Oft wundere ich mich, was diese wirklich "kranke" Welt für mich mal wieder bereithält, obwohl ich gar nichts davon bestellt habe.
Und das schreibe ich dann hier auf. Was Euch dabei erwartet? Euch erwartet ein etwas anderer Blick auf die merkwürdigsten Augenblicke meines Alltags. Denn vieles was passiert, ist wirklich unfassbar. Und auf den ersten Blick auch gar nicht so lustig. Sondern eher ärgerlich. Aber jede Situation hat noch einen zweiten Blick verdient. Und dann wird’s auch wieder lustig. Also, ich biete Euch hier ab und zu ne kurze Story. Mal mit feinem Spott und bissiger Ironie. Mal aus der Sicht der puren Verzweiflung. Ganz oft aber einfallsreich lustig oder einfach nur komisch. Und Ihr?! Müsst einfach nur lesen und lachen. Gemeinsam sind wir lustig. Ach ja - und die "älteren" Storys findet Ihr dann in der Rubrik "Was bisher geschah". Schaut mal ganz nach oben.
Euer Olli Dahlke - Botschafter des Humors.
Es war einmal . . . So fangen alle Märchen an. Und dieses Märchen handelt vom Prinzen Benno aus einfachen, fast schon ärmlichen Sachbearbeiter-Verhältnissen. Ohne Rüstung. Ohne Pferd. Ohne Schwert. Aber in einer Burg. In einer Burg namens Großkonzern. Eine Ritter-Geschichte aus der Gegenwart. Daher springen wir jetzt auch vom Präteritum ins Präsenz. Starten wir also nochmal neu. Es ist einmal ein Großkonzern-Mitarbeiter namens Benno, offiziell „Senior Multi-Channel-Schnittstellen-Kompetenzträger mit operativer Umsetzungsverantwortung“. Inoffiziell: der arme Knecht, der alles machen muss, aber nichts wirklich alleine darf. Benno ist im Unternehmen ungefähr so frei wie ein WLAN-Gastzugang im Hochsicherheitsbereich: theoretisch verbunden, praktisch komplett kontrolliert und mit der Verbindungs-Geschwindigkeit von „Stirb LANsam“. Martin Router King sagte: „Ich habe einen Traum, dass diese Verbindung irgendwann einmal connected.“
Wenn irgendwo etwas brennt, ruft man nach Benno. Wenn niemand weiss, wer zuständig ist, ist Benno zuständig. Wenn eine Aufgabe „ganz schnell“ erledigt werden muss, landet sie in Bennos Mailbox, wo bereits 67 andere „ganz schnelle“ Aufgaben liegen und gemeinsam eine Art Büro-Biotop bilden, in dem Deadlines nisten und Hoffnung nur noch als KI-generierter Excel-Filter existiert. Benno darf Präsentationen bauen, Strategien vorbereiten, Reportings erklären, Krisen moderieren, Mails beantworten, Meetings organisieren, Protokolle schreiben, Entscheidungen vorbereiten, Entscheidungen nachbereiten und am Ende erklären, warum die Entscheidung, die andere getroffen haben, leider nicht zu dem Ergebnis geführt hat, das man von Benno erwarten darf. Es ist quasi wie Fallschirmspringen – nur dass Benno den Rucksack packt, andere springen und er anschließend den harten Aufprall begründen muss. Aua.
Allein entscheiden darf Benno also nichts. Das wäre ja wie Bullerbü auf Speed. Ein einzelner Mitarbeiter, der aus Erfahrung, Kompetenz und gesundem Menschenverstand heraus schnell eine fundierte Entscheidung trifft und somit allen Schnittstellen weiterhilft? Wo kämen wir denn da hin? Vermutlich zu guten Ergebnissen. Und Ergebnisse sind in Bennos goldenem Käfig nur dann akzeptabel und gut, wenn sie vorher durch mindestens zwölf Abstimmungsschleifen per Teams-Call, drei Lenkungskreise, zwei kurze Vorabstimmungen mit fachfremden Nachbarabteilungen, eine Eskalationsmatrix in One-Note und eine 24-seitige PowerPoint mit dem Titel „Decision Framework 2.0 – aligned version final_final_neu_NEU_wirklich_final_v2“ gewandert sind.
Benno hat aber auch ein paar Dinge und Rahmenbedingungen, die das Arbeitsleben für ihn sehr angenehm machen. Mobiles Arbeiten zum Beispiel. Oh Entschuldigung, liebe Leser:innen, das war einmal. Jetzt müssen wir aufgrund einer Vorstands-Götter-Eingebung doch vom Präsenz in das Präteritum wechseln. Mobiles Arbeiten war einmal. Das war diese romantische Epoche, in der Menschen glaubten, Arbeit sei eine Tätigkeit und kein Gebäude. Benno konnte morgens in Ruhe starten, ohne sich zuvor in eine bummsvolle, übelriechende U-Bahn pressen zu müssen, die aussah wie ein Teambuilding-Event für kollektive Atemnot. Er arbeitete konzentriert, effizient und manchmal sogar mit Freude und einem sehr gesunden Privat-Leben – ein Zustand, der in vielen Groß-Konzernen schon als verdächtig gilt. Das muss schnellstens geändert werden. Mobiles Arbeiten wurde also gestrichen. Nicht komplett natürlich – das hätte zu konsequent nach einem echten Plan geklungen. Man nennt es heute „neue Präsenzkultur“. Ein Begriff so warmherzig wie eine automatische Abwesenheitsnotiz von der in Indien ansässigen IT-Abteilung. Plötzlich heißt es: „Wir möchten wieder mehr Begegnung ermöglichen.“ Und tatsächlich begegnet Benno ab sofort jeden Morgen sehr vielen Dingen: Stau, Regen, Hundekot, Parkplatzsuche, defekte Fahrstühle, Kampf um Schreibtische, schmutzigen Bürokaffeetassen und Kolleginnen, die aus demselben Gebäude per Videocall zugeschaltet sind, da freie Räume, Dialogmöglichkeiten, Telefonzellen, Rückzugsorte auf dem Abteilungsstockwerk nur in der märchenhaften Theorie frei verfügbar sind. Außerdem muss man ja auch nicht gleich übertreiben mit der neue gewonnenen Begegnungsnähe.
Benno kommt sich vor wie in einer drittklassigen Imitationsshow von den „Ehrlich Brothers“. Auf einmal ist alles Gute . . . Vorhang zu . . . Vorhang auf . . . weg. Auch die freie Zeiteinteilung. Sie wird ersetzt durch das innovative Premium-Konzept „Flexibilität 360 Grad“, bei dem Benno jederzeit flexibel sein darf, solange es nicht exakt dann ist, wenn die höheren Management-Ebenen ihn spontan brauchen. Manchmal auch nachts. Der Konzern bewirbt das intern mit der Begeisterung eines kongolesischen Staubsaugervertreters auf Koffein: „Mehr Struktur für mehr Freiheit! Müllbeutel inklusive.“ Das bedeutet ungefähr: „Du bist völlig frei – innerhalb eines engmaschigen Systems aus Teams-Calls, Pflicht-ReKo-Terminen, Abteilungs-Town-Halls, KI- und Integrity-Pflicht-Bausteinen sowie Daily-StandUps und Kennenlern-Lunch-Dates aus dem HR-Roulette-Motivations-Baukasten." Bei aller Freiheit hört Benno in Gedanken die Termin-Tetris-Melodie. Er weint.
Ach ja, die tariflichen Sonderzahlungen werden ebenfalls neu gedacht. „Wir investieren in andere, moderne Wertschätzungsformate“, heißt es in dem Vorstandsschreiben. Benno ist gespannt. Vielleicht eine Aktien-Beteiligung? Ein Cash-Bonus? Ein tiefes, echtes Dankeschön mit Substanz? Ein zusätzlicher freier Tag? Nein. Es gibt jetzt ein digitales Badge im Mitarbeiter-Who-is-Who-Intranet direkt unter Bennos Namen. Er darf sich ab sofort „Resilienz-Rakete Q3“ nennen. Benno klickt darauf und fühlte sich für 0,7 Sekunden gesehen. Dann fragt ihn ein Pop-up, ob er seine Mitarbeiterzufriedenheit auf einer Skala von „optimistisch erschöpft“ bis „lächelnd wahnsinnig“ bewerten wolle. Geld ist eben doch nicht alles.
Am härtesten trifft ihn allerdings der Verlust des Dienst-Handys. Das Gerät ist kein Luxus, sondern Bennos kleiner Rettungsanker in einer See aus ständigen Eskalationen. Es vibriert, wenn etwas brennt. Es klingelt, wenn der Chef „nur schnell“ etwas braucht. Es ist sein digitales Dienst-Ross, sein Alarmknopf, sein kleiner Taschen-Defibrillator gegen organisatorischen Stillstand. Jetzt wird es eingespart, da Benno ja sowieso zehn Stunden pro Tag im Burg-Office erreichbar ist. Unter dem Motto „Fokus auf Effizienz“. Benno soll nun erreichbar bleiben, aber bitte mit weniger Erreichbarkeitsinfrastruktur. Der Kosten-Controller reibt sich die Hände. Das ist ungefähr so, als würde man einem Chirurgen aus Kostengründen die Handschuhe streichen und ihm dafür ein E-Learning über Fingerspitzengefühl anbieten. Na, klingelt´s so langsam?
Und doch: Benno ist erstaunlich glücklich. Nicht naiv glücklich. Nicht dieses Motivationsposter-Glücklich mit Sonnenuntergang und „Believe in yourself“, das aussieht, als hätte ein Praktikant Gefühle in Stockfotos übersetzt. Sondern dieses leicht irre, sehr stabile Glück eines Menschen, der verstanden hatte, dass ein Großkonzern im Grunde ein Wellnesshotel für Prozesse ist: Alle laufen langsam in weißen Bademänteln durch die Flure und suchen einen Raum, in dem sie die Verantwortung und Tasks abgeben, aufteilen oder in ein Steering Committee überführen können. Benno wird´s schon richten. Wie eine Art anonyme Benno-Klappe.
Benno entdeckt aber auch die guten Seiten. Ohne mobiles Arbeiten sieht er plötzlich wieder den Mond – morgens beim Losfahren ins Office und abends beim Zurückkommen aus dem Office. Ohne freie Zeiteinteilung lernt er, wie meditativ es sein kann, um 7:03 Uhr in einem Gebäude zu sitzen, in dem das Summen der Kaffeemaschine klingt wie ein sterbender Zwei-Takt-Trabbi-Ottomotor. Ohne diverse Sonderzahlungen entwickelt er eine neue Beziehung zu kleinen Freuden: Free-Büro-Kaffee mit Milchpulver aus recycelten Tetrapacks und freiem, ungezügelten Zugriff auf Kantinenketchup. Jeden Tag nimmt er sich heimlich einen Beutel Kamillentee aus der Büroküche mit nach Hause. Die Revolution des kleinen Mannes. So fühlt er sich jeden Abend als Gewinner. Bitte verratet ihn nicht.
Beruflich hat das alles ungeahnte Auswirkungen. Benno wird deutlich belastbarer. Weil Belastbarkeit im Groß-Konzern bedeutet, dass Benno trotz Gegenwind freundlich nickt und dabei innerlich ein sehr kleines Lagerfeuer aus Excel-Tabellen anzündet. Er wird diplomatischer, weil er lernt, Sätze zu sagen wie: „Spannender Impuls, den sollten wir nochmal challengen.“ Oder „Das kann ich gut hören, lass uns eine Folgeterminserie vereinbaren!“ Oder auch „Das müssen wir agil angehen, sonst ist es schnell out off the radar!“ Was er dabei wirklich denkt, könnt ihr euch vorstellen.
Benno wird auch kreativer. Manchmal stellt Benno sich vor, wie er stolz auf einem Einhorn sitzt und Gummibärchentee trinkt. Dann wirkt alles sofort besser und riecht nach Glitzer: „Erleben Sie jetzt das neue Arbeiten – reduziert auf das Wesentliche: Anwesenheit und Ressourcenknappheit. Spüren Sie die exklusive Leichtigkeit, Dinge verantworten zu dürfen, ohne sie entscheiden zu können. Jetzt neu: Work-Life-Balance in der Office-Edition – mit noch mehr Work und deutlich weniger Life.“ Benno schwingt einen Kugelschreiber in der Luft wie Prinzessin Lillyfee ihren Zauberstab, wenn sie "Pupsi" verzaubert.
Und während andere sich beschweren, wird Benno zum stillen Philosophen im lauten Großraumbüro. Er versteht: Wenn einem alles genommen wird, was Arbeit angenehmer macht, bleibt manchmal nur der klare Blick darauf, warum Menschen trotzdem weitermachen. Nicht wegen der Prozesse. Nicht wegen der Benefits. Nicht wegen der nächsten Umstrukturierung mit Namen „Future Now Plus Reloaded“. Sondern wegen der kleinen Momente, in denen man gemeinsam lacht, sich gegenseitig hilft und merkt: Die Absurdität ist groß – aber immerhin hat sie ein Organigramm und ich bin nicht allein.
Am Ende sitzt Benno an einem Schreibtisch, ohne Dienst-Handy, ohne flexible Zeit, ohne mobiles Arbeiten und ohne Sonderzahlung – aber mit einem Lächeln, das deutlich näher an der Erkenntnis als an den Wahnsinn grenzt. Er hat verstanden: Ein Konzern kann dir vieles streichen. Aber nicht deinen Humor. Noch nicht. Und solange Humor nicht als Bestellanfoderungssachbezug versteuert, zentral eingekauft oder in ein Pilotprojekt mit unklarem Retail-Rollout überführt wird, bleibt er vielleicht der letzte echte Benefit. Benno lächelt zufrieden. Sei nicht traurig über Änderungen. Sei wie Benno.