Badewanne extrem.

 

Ich hatte ja vollkommen vergessen, wie das Haus riecht, wenn man ein Vollbad mit 190 ml Pinimenthol Erkältungsbad füttert. Ja, gleich eine komplette Flasche. Viel hilft nämlich viel. Auf dem Beipackzettel steht zwar, man solle nur ca. 30 ml der Essenz vorsichtig in laufendes, heißes Wasser hinzutropfen, aber egal. Meine Erkältung braucht die harte Keule. Ich füge nichts langsam hinzu – ich lasse die ganze Pulle reinfallen. Oha, es schäumt ja ganz ordentlich. Und es riecht brutal ätherisch. Es wird nebelig und mir schwindelig. Das muss so sein. Auf einmal rumpelt´s im Erdgeschoss.

 

Gerade eben sind zwei Kräuterhexen durch den Kamin geritten, weil sie dachten, es hat ein neues, innovatives Kräuter-Outlet mit heftigen Probier-Schnupper-Angeboten eröffnet. Der ganze Kessel kocht schon über. Die feine Minze-Gift-Mischung lässt weiße Kristalle über der brodelnden Wanne tanzen. Apropos tanzen. Es klopft an der Tür und eine ganze Rotte Amnesia-Disko-Dancer aus Ibiza raven mir entgegen, da sie aufgrund der heftigen Schaumentwicklung eine 1A-Espuma-Schaum- Party vermuten. Im Vergleich dazu bleibt die ganze Party-Insel trocken und blass, wenn DJ Schnupfen „Pinimenthol extrem“ auflegt. Aus dem Hintergrund winkt Hulk, der grüne Marvel- Held. Er hält mich aufgrund meiner Hautfarbe an den Händen für seinen leiblichen Bruder. Ich grüße höflich zurück. Superhelden unter sich. Der unglaubliche Hulk trifft Menthol-Man. Man kennt sich eben. Und zur Feier des Tages, biete ich ihm einen Minz-Drops an.

 

Aus dem Badezimmer steigen derweil dichte Nebelwolken unkontrolliert unter der Tür hervor, die man normalerweise nur von illegalen Autorennen vom Berliner Ku´damm kennt. Ein leicht bekleidetes Grid-Girl bittet Bushidos Freunde mit ihren 1.000 PS getunten, spitz gefeilten, mit Flammen-Dekor beklebten Monster-Boliden zum Start. Feinste Qualmfontänen sprühen aus den Radkästen. Aber hier riecht es nicht nach verbranntem Gummi und purem Testosteron, sondern eben eher nach Husten und Schnupfen. Und anstelle des Grid-Girls, sehe ich meine Frau, die mit einem weißen Handtuch wedelt, als sei sie die Chef-Aufgießerin in einer japanischen Koi- Saunatherme. Das Winken mit dem weißen Handtuch könnte allerdings auch ein militärisches Symbol der Aufgabe sein. Quasi ein Schutzzeichen in kriegerischen Grenz-Situationen. Ich renne ihr natürlich entgegen. Aber aufgrund der schlechten Sicht und dem ätherischen Öl auf den Fliesen, rutsche ich Richtung Garten durch die Terrassentür ins Freie. Mit einer unsicheren Telemark-Landung setze ich hart neben den Gartenmöbeln auf. Meine Nachbarn schauen überrascht, klatschen aber respektvoll Beifall. Ich bin nackt. Verbeuge mich kurz und renne panisch an den Hexen und den Ibiza-Ravern zurück ins Haus. Direkt ins Bad. Einer muss ja den kochend heißen Wasserhahn des Pinimenthol-Grauens abdrehen. Selbst Hulk hat Angst bekommen und sitzt zähneklappernd in der Ecke. Ich hingegen schreite heldenhaft voran und drehe mit meinen Kevlar-Schutzhandschuhen den Wasserhahn ab, reiße mit Schwung alle Fenster auf und versuche dabei so kurz und flach wie möglich zu atmen, damit meine Lunge nicht verätzt oder verbrennt. Dann höre ich meine Frau rufen: "Schatz, Du hast Besuch."

 

Die netten Herren der Feuerwehr, die Sensations-Reporter der Bild-Zeitung, ein paar Hobby-Kiffer vom Prenzlauer Berg und zwei kleine Hobbits, die einen goldenen Ring in meine Wanne werfen wollen. Alle sind durch die heftigen Nebelschwaden über dem Großraum Berlin/Brandenburg angelockt worden. OK. Und die Nachbarn haben schließlich die Feuerwehr alarmiert. Alle stehen jetzt mit großen Augen vor unserem Haus. Der Rest des Abends ist schnell erzählt. Die Feuerwehr bereinigt professionell die Situation und die Hobby-Kiffer haben das Gras an den Hobbit-Füßen entdeckt. Sie wollen es rauchen. Eine ekelhafte Vorstellung, wenn ihr mich fragt. Am Ende machen

die Bild-Reporter ein Gruppen-Foto und meine Erkältung scheint geheilt. Mit dieser Hauruck- Aktion habe ich wohl die volle therapeutische Wirkung des Pinimenthol-Erkältungsbades optimal

ausgeschöpft. Dennoch weise ich pflichtbewusst nochmal auf einen ganz wichtigen Nachsatz hin: „Zu Risiken und Nebenwirkungen lest bitte immer erst mal die Packungsbeilage und fragt Euren Arzt oder Apotheker. Zur Sicherheit sprecht Eure Ideen auch mit der ortsansässigen Feuerwehr ab.“

 

Vielleicht reicht ja dann nächstes Mal auch eine halbe Flasche Eukalyptusöl. Apropos Flasche. Prost – auf die Gesundheit.

 

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