Hallo Wien.

 

Heute Abend ist es also wieder einmal soweit. Liebe, kleine Gespenster, Gruselmonster und runde Kürbisgesichter klingeln an fremden Türen, um nach Süßigkeiten zu betteln. Das ganze Jahr wird den Kids erzählt, dass sie doch bitte nix Süßes von Fremden nehmen sollen. Und meistens hat der ältere Herr nicht wirklich ein niedliches Streichel-Kaninchen zu Hause. Aber heute zählt das nicht. Heute erschrecken wir selber. Zuerst wird geschminkt. Das Kind möchte gern so richtig gruselig aussehen. Zum Fürchten und wegrennen quasi. Ein Monster mit Blutnarbe und Spinnen im Gesicht. Skelette und Maden. Und Mama gibt sich wirklich Mühe, aber am Ende ist aus dem lieben Töchterchen wieder eine kleine Eisprinzessin Elsa geworden. Wir verkaufen der Kleinen das ganze Outfit als schaurige Frosthexe und tuen so, als ob wir uns richtig vor ihr fürchten. Das klappt.

 

Dann bereite ich noch das Lagerfeuer vor dem Haus vor. Feuerschale war gestern. Heute fackeln wir einen vier Meter hohen Scheiterhaufen ab. Zutaten: Zehn Europaletten, drei Liter Brennbenzin, vier Autoreifen, ein altes Klavier und für' s richtige Licht sorgen zwölf Phosphor-Brennstäbe aus dem Kernkraftwerk Greifswald. Das Feuer soll später als Orientierung für unsere kleinen Geister dienen, wenn sie vor lauter Süßigkeiten-Adrenalin den Heimweg nicht mehr finden. Außerdem sind die 1.800 Grad eine spitzen Hitze-Barriere für fremde Monster, die unser Haus erobern wollen. Da wird mir richtig warm um' s Herz. Meine Frau bereitet derweil das Grusel-Festmahl vor. Es gibt kleine Eierkuchen-Vampire, echte Würstchen-Finger und eine brodelnde Hexen-Kürbis-Suppe mit Zombie-Augen und Krötenschleim aus Sauerkraut. Das ist aber niedlich. Ich pimpe das Grusel-Futter noch heimlich ein bißchen auf. Zwischen die Würstchen-Finger lege ich ein bis zwei echte abgerissene Finger vom letzten U-Bahn-Unfall Berlin Mehringdamm. Ich war extra beim zuständigen Unfall-Chirurgen und hab mal gefragt, was nicht mehr „gebraucht“ wird. Das ist quasi so etwas wie der eine Silvester-Pfannkuchen, der mit Senf gefüllt ist. Überraschung!

 

Die Dekoration halten wir relativ simpel. Da wir bei Nachbarn feiern, bereite ich lediglich unseren Garten vor. Direkt vor dem Haus grabe ich einen zwei Meter tiefen Fallgraben und decke ihn mit einer PVC-Folie im Pflaster-Muster ab. In die Mitte stelle ich einen Korb mit Süßigkeiten und unten im Graben steht der mit Schleim und Matsch gefüllte Baby-Pool. An die Klingel schließe ich noch schnell eine alte Autobatterie an, die für einen ganz besonderen Klingel-Effekt sorgen wird. Das muss reichen. Wir sind ja eh nicht zu Hause. Um 18:00 Uhr wollen wir auf Beutezug gehen. Die Kinder vorne weg und ich bleibe im Hintergrund. Aus aktuellem Anlass habe ich mich selber als kriminellen Grusel-Clown geschminkt und verkleidet. Ich sehe aggressiv, streitsüchtig und gewaltbereit aus. Mit den Kids habe ich eine klare Dramaturgie abgesprochen, die wir an jeder Haustür „aufführen“:

 

Akt 1: Die Kinder klingeln nicht, nein, sie schlagen grob mit einem Fahrrad-Schloß gegen die Tür. Ich schalte die Go-Pro-Kamera an.

 

Akt 2: Ich unterbreche die Stromzufuhr des Hauses mit einem Electricity-Blocker aus dem Irak-Krieg. Im Haus gehen alle Lichter aus. Klar – so ohne Strom.

 

Akt 3: Wenn die Tür aufgeht, rufen alle Kinder: „Geister schreien, Hexen lachen, gebt uns Süßes, sonst wird´s krachen“.

 

Akt 4: Ich schalte meine Kettensäge an und gehe zwei Schritte aus dem Hintergrund auf die Eingangstür zu. Die Nebelmaschine läuft auf Hochtouren.

 

Akt 5: Meine Frau wirft aus dem Hinterhalt mit kleinen Spinnen und Nacktschnecken. Sie murmelt dabei etwas wie z.B. „verflucht sollst Du sein!“

 

Akt 6: Die Kinder checken blitzschnell ab, ob die Süßigkeiten ausreichend und frisch sind. Wenn ja, bedanken wir uns artig und ziehen ein Haus weiter. Wenn nein, dann

 

Akt 7: Die Kettensäge wird scharf geschaltet. Ich verliere die Kontrolle über das Ding und falle noch ein paar Schritte auf das Haus zu. Ich ziehe dabei mein rechtes Bein hinkend hinterher.

 

Akt 8: Die Kinder werfen Hundekot ins Haus und meine Frau lacht dabei übertrieben wahnsinnig wie eine entflohene, kranke Patientin aus dem Irrenhaus.

 

Akt 9: Ich gehe ganz dicht an den lieben Nachbarn ran, der sich bereits im Schockzustand befindet und flüstere ihm ins Ohr: „Wir kommen wieder. Wir wissen wo Du wohnst. Bereite Dich besser vor!“

 

Akt 10: Das Gruselkommando zieht auf mein Signal zum nächsten Haus. Wir starten mit Akt 1.

 

Nach dem zehnten Hausbesuch reicht es auch schon. Die Taschen sind so prall mit Süßem gefüllt, wie die Backen einer warzenüberzogenen Laub-Unke im Balzzeitraum. Außerdem ist mittlerweile viel zu viel Polizei in der Siedlung unterwegs. Sie suchen uns. Zuhause angekommen helfen wir noch drei bis vier vollkommen eingeschüchterte Kinder aus der Fall-Grube raus. Wenn sie uns ihre Süßigkeiten überlassen, dürfen sie nach Hause. So ein Eroberungszug macht hungrig. Beim gruseligen Abendessen schauen wir uns die besten Szenen des Abends noch mal an. Es geht doch nichts über einen schönen gemütlichen Abend im Kreise der Familie. Happy Halloween.

 

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© Olli Dahlke - Botschafter des Humors