The Voice of Germany.

 

Gerade läuft auf SAT1 „The Voice of Germany“, kurz TVOG. Ich wusste gar nicht, dass es den Sender überhaupt noch gibt. Ich dachte, er wäre gemeinsam mit Buchstaben-Umdreh-Fee Maren Gilzer und Porno Peter Bond gemeinsam mit dem Glücksrad und allen Zuschauern im verdienten Ruhestand. Aber ich schau trotzdem mal rein. Das Prinzip der Show ist schnell erklärt. Deutschlands beste Sänger-/innen-Talente trällern angespannt einen nach dem anderen raus, damit sich fünf prominente Vorzeige-Musikanten per Buzzer zu ihm/ihr umdrehen. Wenn sich einer umdreht, dann bitte Applaus. Aber wenn sich keiner umdreht, dann biste raus. Das ganze nennen wir dann „Blind Auditions“. Also ich finde die Idee spannend und würde das Prinzip gern mal auf andere Branchen / Momente übertragen.

 

Zum Beispiel Blind Auditions“ im deutschen Bundestag. Sozi-Chef Gabriel schnappt sich mal wieder ungefragt das Mikro und labert und labert und labert. Alle Abgeordneten sitzen mit dem Rücken zum dicken Langweiler und niemand buzzert. Nach einer guten Minute Schwafel-Zeit ist es und aus. Wenn keiner buzzert, musste nach Hause. Kein Re-Call, keine zweite Chance. So läuft der Hase. Bundestag adé. Damit ist dann seine Politikerkarriere durch. 30 Jahre umsonst Wahlplakate geklebt, 30 Jahre umsonst früh morgens am Bahnhof Käffchen ausgeschenkt und 30 Jahre dem Parteivorsitzendem umsonst das Täschchen getragen. Alles futsch. Nach 50 Folgen „TVODB“ (The Voice of deutscher Bundestag) kann das Licht dann endgültig in dem Saftladen in Berlin-Tiergarten gelöscht werden. Niemand dreht sich um oder nimmt einen Ernst. Sehen wir es doch bitte mal ein. Deutschland hat keinen einzigen guten Politiker. Traurig, aber wahr.

 

Oder im Seniorenheim beim wöchentlichen Gesellschaftsspiele-Abend. Der 16jährige Pfleger Mattes, der erst letzten Monat seine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger in der renommierten Seniorenresidenz in Gersfeld mit Auszeichnung abgeschlossen hat, springt voller guter Laune und einem „Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Spielbrett aus Bio-Holz auf die Bühne und kündigt vollmundig einen wilden Nachmittag mit allen Schikanen an. Dabei breitet er seine Arme wie ein Albatros im Landeanflug aus und grinst dabei nickend übermotiviert. Aber niemand regt sich. Hilde, Margot und Emmi schlafen nach zwei Stückchen Käsekuchen den verdienten Verdauungsschlaf. Erwin und Dieter haben schon wieder eingeschissen und stellen sich bewegungslos, um das Malheur vor den strengen Pflegerinnen zu vertuschen. Denn zwei mal am Tag eine volle Hose gibt immer bösen Ärger. Tante Inge und ihre Freundin Agnes haben hingegen nur Augen für den jungen, schwarzen Aushilfs-Zivi Akwasi aus Ghana. Er denkt immer noch, dass eine nackte Ganzkörpermassage zum Haus-Standard gehört. Da wollen die beiden nicht gestört werden. Georg hat sich mit seinem Umhang im neuen Carbon Leichtgewichtsrollator ALEVO von Bischoff & Bischoff verheddert und hat gerade ganz andere Probleme. Kurz gesagt: niemand dreht sich um, obwohl Mattes für seine zwölf Euro Fünfzig in der Stunde alles gibt. Es ist also keine Überraschung, aber bei TVOSA (The Voice of Senioren-Animation) schafft es auch Mattes nicht in die zweite Runde. Er weint heimlich in seinen kleinen Kuschel-Hasen und fragt sich, was Akwasi hat, was er nicht hat. Wir können es uns alle denken, nicht wahr?! Aber gehen wir gedanklich mal 80 Jahre zurück.

 

Im Kindergarten Wirbelwind sitzen zwölf Kinderküken erwartungsvoll im Morgenkreis. Sie singen das berühmte Kinderlied vom Plumpsack. „Dreh` dich nicht um, denn der Plumpsack geht rum. Wer sich umdreht oder lacht, kriegt den Buckel voll gemacht.“ Der 4jährige Adrian-Maurice rennt seit ca. acht Minuten motiviert im Kreis und vergisst aber das Säckchen abzulegen. Runde für Runde. Auch hier dreht sich niemand um. Der Junge pfeift auf dem letzten Loch. Aber er rennt. Am Nachmittag bedrängen Burhan und Ekrem den zwei Köpfe kleineren Maximilian-Vitus. Sie stecken ihm Sand in die Hosentaschen und in den Mund. Der Arme. Aber auch hier drehen sich die Erzieherinnen lieber nicht um. Sie rauchen lieber ihre Vogue Superslim 100 Bleue zu Ende und tragen später in Maximilian-Vitus` kleines Entwicklungsbüchlein folgendes ein: „Maximilian-Vitus findet schnell Anschluss in der Gruppe und spielt gern mit Sand. Seine besten Freunde sind Burhan und Ekrem. Aber niemand dreht sich um. Da kann der kleene Maxi-Vitus singen, ähh, weinen wie er will. Traurig, aber auch wahr.

 

Ob im Bundestag, im Seniorenheim oder im Kindergarten. Alle stellen sich blind. Daher heißt es ja auch auf SAT1 „Blind Auditions“. Die zweite Runde heißt dann übrigens „Battles“. Auch das kommt regelmäßig im Kindergarten vor. Fragt mal Burhan oder Ekrem. Wer das überlebt hat, kommt in die „Knockouts“. Jetzt ist aber mal gut. Morgen früh mach ich übrigens auch mal mit. Wenn der Wecker bimmelt, dreh` ich mich nochmal um. Einer muss sich ja mal umdrehen. Juute Nacht.

 

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