Rucksack-Rassisten.

 

Die Sicherheitskontrollen bei öffentlichen Veranstaltungen werden ja wirklich immer wilder. Ob es sich dabei um so ein Schmuseding von und mit Gregor Meyle in Braunschweig, um ein Oktoberfestbier-Anstich in Bayern oder eben um ein Taschenlampen-Konzert für den lieben Nachwuchs in der Berliner Waldbühne handelt. Man wird gefilzt, durchsucht, abgetatscht, gescannt und durchleuchtet, als ob man zum Abendessen mit Bundes-Mutti Merkel und ihren G7-Zwergen eingeladen ist und neben einer ausrangierten Camouflage-Militärjacke und einer russischen Kalschnikow noch einen Vollbart bis zum Bauchnabel trägt. Aber der Reihe nach. Im wahrsten Sinne des Wortes. Bei allen Events heißt es erst einmal warten und artig anstellen. Das ist auch bei dem o.g. Taschenlampen-Konzert für den hoffnungsvollen Nachwuchs nicht anders. Original-Ton aus der Warteschlange: „Das dauert doch bestimmt nicht so lang. Keine Sorge, Benjamin, wir sind gleich drin.“ Ach, nein, dauert nicht so lang. Wirklich nicht? Und warum erkennt man dann bitte den Profi unter den Event-Besuchern immer an seiner Ausrüstung, die ihm Shaolin-Mönche im Kloster-Stille-Warte-Saal per Pantomime empfohlen haben? Er sitzt nämlich auf einem ausklappbaren, mobilen Liegestuhl, futtert sein Lunchpaket mit Einweg-Plastikbesteck und schaut auf seinem Smartphone (welches an einer Solar-Powerbank angeschlossen ist) die Trilogie von Herr der Ringe. Wenn es regnet kauert der Event-Fuchs zusätzlich unter einem transparenten Plastik-Regenponcho, den er beim letzten Familien-Fest der AOK geschenkt bekommen hat. Ein Hoch auf die Give-Aways dieser Welt. Vorbereitung und Weitsicht sind eben alles.

 

Wir gesellen uns dazu und stellen uns brav an. Es geht so zügig voran, dass uns Schnecken im Schlafanzug, dreibeinige Schildkröten und blinde Regenwürmer links lachend überholen. Grob geschätzt schaffen wir genau zwei Schritte in 20 Minuten voran. Die Kinder haben Hunger und Durst, fragen in 60 Sekunden 14 x wann wir endlich drin sind und müssen natürlich ganz nötig auf Toilette. Die Stimmung kippt endgültig, als uns eine nette Dame in einer orangenen Alarm-Notfall-Weste mit aufgesticktem Security-Schriftzug von hinten anspricht: „`Tschuldigung, ihr Sack ist zu groß!“ Na, bisher hat sich da noch keine beschwert, denke ich bis ich merke, dass sie auf den Rucksack meiner Tochter zeigt. „Bitte was?“ „Der Rucksack ist zu groß und darf nicht mit zum Taschenlampen-Konzert. Rucksäcke dürfen nur dann mitgenommen werden, wenn sie nicht größer als DIN-A4 sind.“ Dabei winkt sie mit einem laminierten Blatt Papier, auf dem die Größenmaße der DIN-A4-Norm in Tabellenform zu erkennen sind. Nochmal: „Bitte was?“ Dann sehe ich zwar, dass sie ihre Lippen bewegt, verstehe allerdings nur noch Kartoffelsalat. Nach § 18b, Absatz 2, Satz 3, Halbsatz 2 der RsGEVO (Rucksack-Größen-Event-Verordnung) sind wohl Rucksäcke, die größer sind als Pittiplatsch beim Morgen-Yoga-Stretching grundsätzlich nicht erlaubt und müssen vor den Augen der Security-Kraft direkt verbrannt werden. Sie deutet dabei auf ein loderndes Lagerfeuer in der Mitte der Straße. Zum dritten Male: „Bitte was?“ Die Security-Kröte zeigt wenig Verständnis und kontert: „Oh man, diese neue Regelung wurde doch in den Ebay-Kleinanzeigen unter der Rubrik Taschen und sonstiges eindeutig und rechtzeitig kommuniziert.“ Dabei schüttelt sie mit ihrem Kopf, als ob wir mit 90 km/h durch eine Spielstraße gerast sind. Alle Versuche das Thema unter Erwachsenen auszudiskutieren werden direkt mit einem lauten „VERBOOOOTEN!“ unterbunden. Ich denke kurz nach. Es gibt also vier Alternativen:

 

1) Wir akzeptieren das, unterwerfen uns dem Rucksack-Regime und werfen unter lautem Gejammer den Rucksack ins Feuer.

2) Wir akzeptieren das, beschütten uns mit Benzin und werfen uns alle selber ins Feuer.

3) Wir schubsen die Security-Käthe ins Feuer und gehen selbstbewusst mit Rucksack weiter.

4) Alle lächeln Richtung Warnweste, wir bedanken und für den Tipp, Papa geht zum Auto und bringt den Rucksack in Sicherheit.

 

Drei mal dürft ihr raten, welche Alternative der kurz einberufene Familienrat unter Leitung meiner weisen Ehefrau beschlossen hat. Auf dem Rückweg lächle ich alle Besucher mit ihren Rucksäcken an, sage aber nichts. Will ja kein Spielverderber sein. Sonst hat ja die Security-Hexe gar keine sozialen Kontakte mehr. Nach weiteren 1,5 Stunden bin ich vom Auto zurück (natürlich ohne Rucksack) und stelle mich wieder brav an. Meine Familie ist selbstverständlich schon weiter und hat die Eintrittskarten-Kontrolle sicher passiert. Nach weiteren 30 Minuten und vorangekommenen 4 Metern verliere ich die Nerven, drängle mich vor und stelle mich bewusst neben die 6-köpfige Familie mit Migrationshintergrund und drei Rucksäcken nach ganz vorne. Da gibt es nämlich ganz sicher großes Rucksack-Diskutier-Potenzial. Als der Security-Rucksack-Check erbarmungslos zuschlägt, nutze ich die Chance und gehe auf der Zielgeraden gekonnt vorbei. Dabei nuschel ich etwas vom § 18b, usw. der RsGEVO.

 

Aber jetzt mal im Ernst. Das kann doch alles so nicht wahr sein, meine Damen und Herren. Rucksäcke, die größer als DIN-A4 sind, dürfen nicht mit rein, aber vollgepackte IKEA-Einkaufstaschen reiten auf einem Esel bedenkenlos durch den Security-Check. Außerdem erlaubt sind Seemanns-Säcke, Särge, Roll-Container und leere Bierfässer. Aber Rucksäcke sind nicht erlaubt. Keine Bedenken bei Laubsäcken, Bollerwagen und Umzugskartons. Aber Rucksäcke sind nicht erlaubt. Koffertrolleys, Kontrabass-Hüllen und Mülltonnen werden bedenkenlos durchgewunken. Aber Rucksäcke werden zielgerichtet aussortiert.

 

Ich verstehe es bis heute nicht, aber vielleicht werden ja Selfmade-Bomben, Molotow-Cocktails, Sprengstoffgürtel, Bengalobrennstäbe und Handgranaten grundsätzlich in einem Rucksack rein geschmuggelt und eben nicht in einem Big-Pack-Bag von Rossmann. Egal. Das Konzert war auch ohne Rucksack ein voller Erfolg. Und auf dem Rückweg schubse ich nun doch noch den Security-Drachen in die lodernde Rucksack-Glut und rufe hinterher: „Burn Baby burn. Leg Dich nicht mit Taschenlampen-Man an.“ Ich leuchte ihr direkt mit meiner Taschenlampe der Marke VARTA VOLKSSTURM ins Gesicht und wünsche einen schönen Abend.

 

PS.: Ja, ja, ich weiß. Don´t shoot the messanger. Die arme Dame des BEST-Sicherheits-Services hat die Gesetze nicht gemacht. Sie kann nichts für die brutalen Terroristen-Aktionen der Vergangenheit. Sie hat es ja nur gut gemeint. Genervt hat es mich trotzdem. Daher lautet mein Gedanken-Blitz: „Liebe verantwortliche Event-Sicherheits-Fachkräfte, macht euch doch bitte mal Gedanken, wieviel Gewalt und Gefahr wirklich von einem Kinderrucksack ausgeht, in dem zehn geschälte Möhrchen, ein Orangensaft und ein Klebeheftchen von Top-Modells sind?!“

 

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