Alles Wiederholungen.

 

Wie immer. Über die Jahreswende liefen im Fernsehen ja leider nur Wiederholungen. Und zwar Wiederholungen von Wiederholungen. Und ich meine dabei nicht die Tigerkopf-Stolperfalle „Dinner for One“ von 1963. An Miss Sophie, Sir Toby und Mister Winterbottom habe ich mich bereits gewöhnt. Die dürfen - die gehören quasi zur Familie. Aber wenn die Stars in der heutigen Primetime-Unterhaltung wirklich E.T., Gremlins und Rambo heißen, muss ich einschreiten. Ergo: Die frisch verliebte Helene F. kann es allein auch nicht mehr raus reißen. Da braucht sie meine Unterstützung. Ich werde eine TV-Revolution starten. Ich muss ins Fernsehen.

 

Kann ja schließlich nicht so schwer sein. Aber wie komme ich vor die Kameras? Sollte ich das lieber als Schlauberger-Kandidat in einer Quizshow versuchen oder doch als peinlicher C-Promi in einer der beliebten Trash-Shows auf RTL? Da bietet sich ja ein bunter Blumenstrauß an Möglichkeiten. Ich starte meine Überlegungen nach dem Ausschluss-Prinzip. Also der Reihe nach. Für eine Koch-Show, wie z.B. „Rach, der Restauranttester“, kann ich deutlich zu wenig am Herd. Das geht doch voll in die Hose, wenn ich ernsthaft versuchen würde, den preußischen Landgasthof "Zum goldenen Sonnnenhirschen" mit Rührei und Mirácoli aus der Patsche zu helfen. Das können wir also vorerst ausschließen. Was wäre mit einem soliden Auftritt bei Anne Will in ihrer neuen Talkshow "Anne Will´s Wissen"? Am besten noch zum Thema "Was machen die deutschen Politiker eigentlich beruflich?" Könnte allerdings sein, dass ich gegenüber Nahles & Co. handgreiflich werde. Außerdem läuft die Talkshow Sonntag zu späterer Stunde. Da liege ich lieber auf dem Sofa und bereite mich mental auf die neue Woche vor. Das wird also auch nix. Schade. Hätte mir bestimmt Spaß gemacht, mal so richtig gegen die Herrschaften lautstark abzuschimpfen und dafür auch noch Applaus vom bezahlten, aber völlig verwirrtem Happy-Happy-Klatsch-Klatsch-Publikum zu erhalten. Egal. Was ist mit einem Gesangswettbewerb ala „DSDS“ oder „The Voice“? Da gibt es ja sehr viele. In der 4. Klasse bin ich wegen falschem Singen und Tri-Angel-Missbrauch aus dem Schul-Chor geflogen. Das muss man erst mal schaffen. Das sehe ich mittlerweile als meinen ersten konsequenten Schritt weg vom Musik-Business an. Die ganze Show dauert mir dann aber doch zu lange. Call. Recall. Blind-Audition. Duell. Mottoshow. Finale. Tonstudio. Und alles mit Onkel Dieter, der Kelly-Sirene oder Heulboje Naidoo. Dass man dabei später aus den Socken und vom Kreuzfahrtschiff springen könnte, kann ich gut verstehen. Nee, danke. „Sing meinen Song“ fällt dann wohl auch eher aus, wenn man keine eigenen Lieder zum Tauschen mitbringen kann.


Für „Schwiegertochter gesucht“ bin ich eindeutig viel zu viel Schwiegersohn. Und für die Familien-Fahndungsshow "Vermisst" fehlt mir zu wenig. Hab ja eigentlich auch nix verloren. Es muss also noch einen anderen Weg geben. Ah, jetzt. Deutschland - deine Auswanderer. „Good bye good old Germany“. Ich wandere aus. Famose Idee. Aber wohin? Malle, Ibiza, Korfu, Fuerte? Alles viel zu dicht am Heimathafen. Wenn schon weg, dann richtig weit weg. Vielleicht eröffne ich in Koh Samui einen ganzjährigen Weihnachtsbaumverkauf inklusive Rodelschlittenverleih? Oder ich eröffne in Dubai ein Strickfachgeschäft mit dem Schwerpunkt "Leicht bekleidet. Bademode aus Ess-Papier!“ Oder ich gründe in Finnland eine Süßwasser-Großgarnelenzucht und bringe den Tierchen Rückenschwimmen bei. Wohl kaum. Na gut. Dann also doch auf die harte Tour. Ich bewerbe mich zeitgleich bei „Bauer sucht Frau“, „Let's Dance“, bei den „Truckerbabes“ und im „Dschungelcamp“. Das volle Programm.


Lange Zeit höre ich nichts. Dann flattern gleich drei Absagen mit fadenscheinigen Begründungen gleichzeitig ins Haus. Mal bin ich zu wenig Landwirt, obwohl ich ständig von Schweinen, Affen und Rindviechern umgeben bin. Mal erinnern meine ausgefallenen Tanz-Moves eher an Zuckungen aus seltenen, medizinischen Bereichen. Und bei der dritten Absage steht, dass man nur dann als echtes Truckerbabe durchgeht, wenn man einen Führerschein Klasse CE oder C1E besitzt. Nur ein versautes Babe zu sein, reicht wohl dann doch nicht mehr aus. War früher auch anders, oder Micaela Schäfer? Mist. Für einen Gastauftritt bei den „Wollnys – eine schrecklich große Familie“ oder bei den „Geissens – eine schrecklich glamouröse Familie“ reicht's auch nicht. Mal bin ich zu reich. Mal bin ich zu arm. Beides mal bin ich allerdings zu clever. Also nun doch der „Bachelor“, denke ich und greife zum Otto-Katalog. Ich brauche knappe Badeshorts, einen Smoking und ein Fleurop-Abo. Auf einer Südseeinsel abhängen, coole Ausflüge unternehmen und am Abend ein paar Blümchen verteilen. Das geht klar. Das bekomme sogar ich hin. Doch halt. Ist man(n) da wirklich mit 20 Frauen allein zusammen in einem Haus? Und alle quasseln auf mich ein? Außerdem wird man auch mal geohrfeigt, höre ich gerade. Zu gefährlich. Viel zu gefährlich. Ich will ja ins Fernsehen und nicht vorzeitig ins Grab. Da klingelt das Telefon. Es ist Doktor Bob aus dem „Dschungelcamp“ und er fragt nach, ob ich morgen zum Probe-Dinner nach Dungay/Australien kommen könnte. Sie haben da noch einen Platz am Casting-Kapitäns-Tisch frei. Es gibt geschmorten Bullen-Penis, Wasserspinne deluxe, mit Biber-Kot gefüllte Schweinsnase und zum Dessert ein angebrütetes Enten-Ei. Ich denke kurz nach, übergebe mich spontan und sage unter starkem Würgereiz auch dem lieben Doktor Bob ab.


Hätte nicht gedacht, dass es doch so schwer ist, einen nachhaltigen Auftritt im Fernsehen hinzulegen. Die ganzen Vollpfosten schaffen es doch auch. Aber ich gebe nicht auf. Niemals. Muss ja keine Abendshow sein. Gibt es „Richterin Barbara Salesch“, „Richter Alexander Hold“ oder die „Trovatos“ eigentlich noch. Nein? Schon wieder Mist. Ich bin zu alt für die Soap „GZSZ“ und habe zu kurze Beine für die Magersuchts-Castingshow „GNTM“. Schade Heidi, das wäre unsere Chance gewesen. Nun gut, ich trainiere nun seit zwei Wochen für „Germanys Ninja Warrior“ und trage dabei einen sehr engen, traditionellen, chinesischen Kampfanzug. Beim Aufnahmetest werde ich bestimmt gegen Drachen und auf Gewalt gezüchtete Shar-Peis kämpfen sowie mit eingefetteten Stäbchen Fliegen fangen müssen. Da will ich vorbereitet sein. Denn ich will ja schließlich die hübsche Laura W. beeindrucken. Vielleicht lädt mich ja dann auch ihr Papa Jörg W. an seinen Fußball-Stammtisch auf Sky ein. Man weiß ja nie. Gedanklich hetze ich also den Spiderwalk und den Klippenschacht per Klimmzug hoch. Aber bei der Tackle-Attacke verliere ich die Kontrolle über meinen Körper und breche doch die gedankliche Probe schon ab. Zu gefährlich. Da mein Körper nun aber gut trainiert ist, melde ich mich selbstbewusst bei der Nackedei-Show „Adam sucht Eva“ an. Wollte ich schon immer mal machen. Ich schwimme hüllenlos zum Strand. Laufe dann über eine einsame Insel, höre gedanklich die Filmmusik von Baywatch und treffe dort auf meine auserwählte Pamela, ähh, ich meine Eva. Sie ist auch komplett unbekleidet. Klaro. Das ist ja auch die Show. Dann passiert es. Da ich nur Augen für Evas Augen habe, trete ich schwungvoll auf eine seltene Muschel. Sie bricht und schlitzt mir den Fuß seitlich auf. Es blutet, ich fluche und Eva rennt weg. Sie kann kein Blut sehen. Nein danke. So habe ich mir das nicht vorgestellt. So nicht. Absage.

 

Ich zweifle an mir. Warum schafft es heutzutage eigentlich jeder unterbelichtete Vollpfosten ins Fernsehen und ich bringe es noch nicht einmal zu einem kurzen Gastauftritt in der abgesetzten Lindenstraße? Muss ich wirklich erst in einem unbekannten Vorort, nahe einem verlassenem Waldgebiet, einer Joggerin am frühen Morgen die Halskette vom Leibe reißen oder in ein Seniorenheim einbrechen und alle Gebisse, Seh- und Geh-Hilfen klauen, damit Rudi Cerne auf mich aufmerksam wird und ich über „Aktenzeichen XY - ungelöst“ ins TV komme? Muss es wirklich soweit kommen? Wie auch immer. Fernsehen scheint in der heutigen Zeit eher aggressiv zu machen und damit zu Straftaten aufzurufen, als wirklich einen Bildungs- und Informations-Auftrag zu erfüllen. Und das alles im Free-TV. Vielleicht fange ich erstmal mit Pay-TV an. Da scheint es einfacher zu sein, ins Fernsehen zu kommen. Einfach mal beim Champions-League-Achtelfinale zwischen Bayern und Liverpool kurz nach Anpfiff dem Franck Ribery eine vergoldete Banane bringen. Und zack, ist man nicht nur live auf Sky, sondern man wird auch auf Instagram anonym beleidigt. So einfach kann es sein. Das werde ich versuchen. In diesem Sinne, einfach auf Sky einschalten oder eben doch - in Gedenken an Peter Lustig - abschalten.

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