Es wird kalt.

 

Ich freu` mich schon auf den Winter. Bitte versteht mich nicht falsch, der Sommer war auch mal wieder so richtig geil. Aber nun ist er vorbei. Sommer, Sonne, Sonnenschein ist ausverkauft. Jetzt neu im Angebot: Nass. Kalt. Rutschig. Dunkel und Last Christmas von Wham. Muss ich noch mehr sagen?! Aber der Reihe nach.

 

Eröffnet wird die kühle Jahreszeit mit einer weit verbreiteten, weiblichen Textilblindheit: "Ich habe ja gar keine richtige Winterjacke!" Im Schrank hängen zwar gefühlte 300 Herbst-/Übergangs-/Regen-/Winterjacken (teilweise noch nicht einmal getragen), aber keine einzige genügt den aktuellen Anforderungen diesen Winters. Kuschelig muss sie sein. Und flauschig. Außerdem schön mollig. Aber frau darf auf keinen Fall mollig darin aussehen. Kein bißchen mollig sogar. Das wäre eine Winterjacken-Todsünde. Aber sie soll samthaft scheinen. Und gleichzeitig wind- und wetterfest sein. Das weiss ja wirklich jeder, dass Samt total wind- und regenfest ist. Schwierige Kombi. Aber wir suchen weiter. Über die Farbe haben wir noch gar nicht gesprochen. Farbenfroh soll sie sein. Der Winter ist ja schließlich schon dunkel und grau genug. Aber sie darf nicht direkt auffallen und auf keinen Fall die Durchblutung der Augen massiv beeinflussen. Kurz gesagt: ein rolliger Stier sollte gelassen liegen bleiben, wenn Mutti im Winter-Outfit über die Weide rennt. Sie soll erst beim zweiten Blick sicher punkten und wirken.

 

Na dann gehen wir mal die Farbpalette durch. Pastelltöne sind für Babys und die Herbstfarben kastanienbraun, moosgrün und schlamm sind schon wieder out. Cremehell und wollweiß sind zu anfällig. Ich schmeiß´ mal was Mutiges in die Umkleidekabine. Kornblumenblau und mohnrot. Auch nicht richtig. Nachtschwarz ist zu dunkel und signalorange ist für die Kehrwoche. Wenn ich genervt bin, verfalle ich schnell wieder in den Ur-Berliner-Slang. „Kiek ma´  den Military-Look. Watt is´ mit dem? Nee? Ooch nich´? Na juut. Watt is´ denn bitte mit Retro-Style? Ooch ´ne klare Niete, wa?!“ Ganz wichtig: die Farbe muss zu den Augen passen. Ja, nee, is´ klar. Der Wahnsinn nimmt langsam Fahrt auf. Eher langer Mantel, ein Parka oder eine kurze Jacke? Hochschließend mit verdecktem Reißverschluß und Knopfblende? Darf es noch eine Kapuze sein? Ja gern, aber abnehmbar. Mit Teddyfell oder Kunstpelz? Ganz wichtig ist dann noch die Marke. Sportlich like adidas oder eher Outdoor-Look alá Jack Wolfskin oder Northface als Extrem-Variante? Vielleicht übernachten wir ja mal spontan auf dem Mount Everest in 8.000 Metern bei heftigem Schneetreiben. Man weiß ja nie. Kann ja sein, dass man zufällig den Herrn Yeti im feinen Smoking trifft. Dann wäre frau eventuell "underdressed". Das geht ja gar nicht. Ich schlage dann doch Canada Goose und Woolrich vor. Es soll diesen Winter knackig kalt werden. Wir probieren aber noch Bogner, Boss, Moncler, Gucci und weitere 1.200 Marken-Winterjacken in allen Kombinationen an. Pinguine würden es „Paradies“ nennen, aber die Verkäuferin ist verzweifelt und wischt sich den ersten Schweiß von der Stirn. Da haben wir etwas gemeinsam. Themawechsel.

 

Wo gestern im Supermarkt noch die Sonnencreme-/Aftersun-Aktionsecke von Nivea stand, stehen heute die Dispenser mit Dominosteinen, Spekulationskeksen und tollen Teesorten namens Bratapfel, Winterzeit, Hüttentraum und Kaminabend. Aus meiner Sicht eine sehr einseitige, emotionale Beschreibung des Winters. Wollen wir mal nicht die andere Seite vergessen. Die Teesorten könnten doch auch „Schnee schippen um 05:30 Uhr früh“ oder „Eiskratzen bei minus acht Grad“ oder „Auffahrunfall wegen Blitzeis“ heißen. However. Jedenfalls duftet alles nach Zimt, Orange, Apfel und Hibiskus. Das zieht in die Nase. Bin schon leicht benommen. Da ich selber Kinder habe, schaue ich mir jetzt die Adventskalender genauer an. Auch hier gibt es eine Riesen-Auswahl. Ich gehe ins Detail.

 

Der Kinder-Überraschungsei-Kalender hält was er offensichtlich verspricht. 24 Überraschungen in Ü-Ei-Form mit roter Plüschmütze. 24 Tage voller Spiel, Spaß, Spannung und Schokolade. In Gedanken sehe ich ein nettes, rundes Moppelchen-Werbe-Gesicht dazu grinsen. Die roten Wangen des kleinen Pummelchens brennen mit 35 Watt und 230 Volt. „Rudolph the rednosed Reindeer“ ist eine laue Energiesparlampe mit Zündungshemmung dagegen. Jeden Tag ein Ü-Ei und die Bommel brennt. Versprochen. Eine bunte, lustige Alternative kommt von Haribo. 24 Mini-Beutel mit Gummitierchen, Lakritz und Maoam. Schnuller-Minis, Weihnachtsbären, Nikolausschuhe und Tropifrutti für ein Weihnachten unter Palmen. Ich schwenke um zum Kalender von Playmobil. Die Mädchen-Variante „Eislaufprinzessin im Schloßpark“ besteht aus mindestens 8.241 Einzelteilen und stellt eine königliche Familie an einem sonnigen Wintertag beim Schlittschuhlaufen nach. Neugierig schauen die lieben Waldtiere dem fröhlichen Treiben auf dem gefrorenen See zu. Als Extra wartet im 24. Türchen ein wunderschönes Glitzer-Armband. Mädchen-Herzen schlagen höher. Ein Traum. Die Jungen-Variante stellt hingegen einen „Polizeieinsatz beim Juwelier“ nach. Im 24. Türchen warten dann wohl Handschellen auf den Buben. Eine wirklich tolle weihnachtliche Umsetzung. Naja, irgendwo müssen ja die Geschenke herkommen, obwohl Papa den ganzen Tag faul und ohne Perspektive zu Hause im Feinripp-Unterhemd auf dem Sofa abhängt. Was liegt da näher, als ein heimlicher „Einkauf ohne Geld“ beim Juwelier um Mitternacht. Muss man nur eben ein bißchen heftiger anklopfen als üblich – und zwar an die Scheibe.

 

Egal. Ich lass mich nicht abschrecken. Ob nun Winterjacken-Overload, Heißgetränk-Ausschank oder Hausfriedensbruch-Weihnachtskalender für angehende Kleinkriminelle. Ich lass mir meine Winterstimmung nicht verderben. Denn Winter-Zeit heißt auch Weihnachtsmarkt-Zeit. Die Zeit im Jahr, in der man sich täglich bedenkenlos fünf bis sechs Glühwein mit Schuß reinschütten darf, ohne dass die Nachbarn komisch gucken. Ich persönlich trinke ja nur Glühwein von glücklichen Glühen. Bio ist eben alles. Ob Sommer oder Winter. Na dann, Prost.

 

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© Olli Dahlke - Botschafter des Humors