Geschenkt ist hier gar nix.

 

Laut Definition ist ein Kaufhaus eine Weiterentwicklung des Fachgeschäftes zu einem großen Einzelhandelsbetrieb. Aber nicht nur das. Ich sage, das klassische Kaufhaus ist eine getarnte Combat-Ausbildungs-Station der US Special Forces Operational Detachment-Delta-Unit, kurz auch Delta Force genannt. Für alle pazifistischen, hamsterliebenden, Mariechenkäfer rettenden Mitleser: Das ist die Spezialeinheit der U.S. Army mit den Einsatzschwerpunkten „Terrorismusbekämpfung“, „Geiselbefreiung“ und ich füge noch hinzu, „Sonder-Schnäppchen-Angebote-Besorger im Winter-Schlußverkauf S.A.L.E.“.


Ich habe mich heute nicht ganz freiwillig dieser Ausbildung unterwerfen dürfen. Ich brauche nämlich ein Geburtstags-Geschenk. Der erste Herausforderung wartet bereits am Eingang auf mich. Draußen sind minus acht Grad und ich hab die dicke Daunen-Jacke mit Schal und Mütze an. Was in der Kälte ein echter Segen ist, stellt sich im Kaufhaus als eher hinderlich heraus. Nach nur zwei Minuten Aufenthalt im Parfum-Bereich habe ich die ersten Schweißperlen auf der Stirn. 32 Grad Raumtemperatur und Karibik-Duftkerzen erschweren den Start ins Kaufgetümmel erheblich. Ob es an der Temperatur oder am Geruch liegt, kann ich nicht eindeutig sagen. Ich lege jedenfalls meinen Schal für einen Moment auf einem Tisch ab und schnappe gierig nach Sauerstoff.

 

Und das war natürlich ein Fehler, der sofort bestraft wird. Der Tisch war nämlich kein simpler Abstell-Ausruh-Tisch für erschöpfte Einkaufskrieger, sondern der Schnäppchen-Angebotstisch für Winterklamotten im Sonderpreis-Ausverkauf. Jetzt ist er weg. Also, mein Schal. Oma Krause nutze meinen Moment der Schwäche und Unaufmerksamkeit aus und griff beherzt zu. Klar. Wann gibt' s schon mal einen Kaschmir-Lacoste-Schal für 70 EUR auf dem „4,99 EUR-alles-muss-raus-Angebotstischchen“?! Egal. Das siegessichere Gesicht von Oma Krause hab ich mir jedenfalls gemerkt. Rache ist Blutwurst. Die rüstige Rentnerin kraucht mit MEINEM Schal Richtung Fahrstuhl. Ich kürze ab. Ab zur Rolltreppe. Hoch in den obersten Stock. Da hab ich die beste Sicht. Wie Yakari und sein Kumpel kleiner Dachs spähe ich nach der 84jährigen Schal-Diebin. Aber Tarnprofi Oma Krause sehe ich nicht. Dafür aber ein Rentner-Spar-Angebot. Ein Stück Obstkuchen inkl. Sahne und einem Pott Kaffee für 2 Euro Fünfzich. Klingt verlockend. Aber ich reiße mich zusammen. Keine Pause. Ich brauche ein Geschenk und im besten Falle noch meinen Schal zurück. Dann werde ich aus meiner Konzentration gerissen. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragt die U.S. Army Ausbilderin (Verkäuferin). „Ja, gern. Ich suche Oma Krause. Sie hat weißes Haar, einen krummen Rücken, einen braunen Gehstock und vor allem MEINEN Schal.“ „Oh, kenne ich nicht. Ich bin aber auch neu hier in der Abteilung. Fragen Sie mal an der Info im 3. Stock.“ Fachkräfte eben. Ich wittere eine böse Verschwörung gegen mich.


Ich arbeite mich also weiter allein durch die Stockwerke nach unten. Irgendwo muss sie ja sein. Damenmode?! Fehlanzeige. Und dabei habe ich wirklich alle Umkleide-Kabinen ohne anzuklopfen abgesucht. Ohne Kompromisse. Dran, drauf, drüber. Habe ich schließlich bei den Grenadieren gelernt. Es war teilweise wie bei den American Gladiators. Da kommt eine Durchsage: Dü Dü Dong. „Sehr verehrte Kundinnen und Kunden. Wir räumen für Sie unseren Schmuck-Tresor. Bis zu 40% auf alle Südseeperlen aus Tahiti. Wir wünschen Ihnen einen schönen Einkauf.“ Da wird sie sein. Alle Omas und diebische Elstern stehen auf Perlen. Mein nächstes Ziel: die Schmuckecke auf Tahiti im Erdgeschoß. Auch Fehlanzeige. Angebote satt - aber keine Oma Krause. Und damit auch kein Schal. Ich schwitze und wirke schon leicht weinerlich.


Zwangspause. Die hektische Suche bei mittlerweile 40 Grad schlägt auf den Magen. Ich muss mal. Ziemlich dringend sogar. Die Wahrheit ist: der Kupferbolzen steht schon ca. einen Zentimeter raus. Und bevor sich dort ein Vögelchen drauf setzt, muss ich eine Toilette finden. Aber wo sind die? Toiletten sind neben dem Restaurant. Oh nein?! Ganz oben. Ich muss mir das verkneifen. Ich verabschiede mich gedanklich schon von meinem Schal und schalte auf hektische Geschenke-Suche um. Ich spreche die vollkommen übertrieben geschminkte Kosmetik-Puppe in der Duftabteilung des Kaufhauses an. „Entschuldigung?! Kurze Frage. Wo finde ich eine Gesichtscreme von Annayake?“ Aufgrund der zwei Tonnen Farbe und Spachtelmasse im Gesicht der Beraterin kann ich zwar keine Gesichtsregung erkennen, aber eine Stimme hören: „Hier gar nicht. Ist eine Hausmarke von Douglas!“ Sie muss Bauchrednerin sein. Nun gut. Ab zum Parfumtempel Douglas. Kurzer Zwischenstand: Noch kein Geschenk, aber schon meinen Schal verloren und im Magen-Darm braut sich ein Ungeheuer zusammen. Läuft bei mir. Vor allem der Schweiß. Von der Stirn. Harte Ausbildung.


Bei Douglas verliere ich erst gar keine Zeit und spreche direkt die nette Dame im türkisfarbenen Kittel an. „Entschuldigung?! Kurze Frage. Wo finde ich eine Gesichtscreme von Annayake und ihre Toilette?“ Wie von einer Tarantel gebissen rennt sie zielgerichtet los. Ich bleibe dran. Sie dreht sich 10 Meter später um und fragt: „Die 24-Stunden-Intensiv-Creme oder die Nacht-Feuchtigkeit mit frischem Gel-Effekt? Die ist gerade im Angebot“. „Ähh was, bitte?“ Ich bekomme einen Kosmetikvortrag direkt aus dem Labor. „ . . . die 24-h-Creme ist inspiriert von einem japanischen Reiskleie-Ritual . . . und die Nachtpflege ist ein althergebrachtes Schönheitsgeheimnis der Shaolin-Dienerinnen mit Minze und . . .“. Und dann traue ich meinen Augen nicht. Da steht Oma Krause am Geschenke-Tisch der Herrendüfte. Hellwach setze ich sofort zum Sprung Richtung Schal an. Da passiert es. Vor lauter Anspannung meldet sich ziemlich deutlich mein Magen-Darm mit einem unangenehmen, sehr sehr lauten Geräusch aus der Popo-Gegend zurück. Ach ja, da war ja was. Ich muss priorisieren. Schal oder Schiss?

 

Siegessicher entreiße ich nach einem kurzen, aber intensiven Kampf, Oma Krause MEINEN Schal aus den Händen, wende mich lächelnd wieder an meine Annayake-Fachfrau im Kittelchen und flüstere schon fast erotisch mit französischem Akzent: „Ich nehme die 24-Stunden-Creme-Légeré Hydration im 100 ml-Töpfchen. Können Sie mir das als Geschenk einpacken, Mademoiselle?“. Sie antwortet lächelnd: „Sehr gern. Und übrigens. Unsere Kunden-Toilette ist dort hinten rechts!“. Ich nicke freundlich und hauche auf französisch in Ihre Richtung: „Merci, trop tard!“.

 

An der Kasse bezahle ich dann das schick verpackte Creme-Töpfchen aus Tausend und einer Nacht, lächle Oma Krause triumphierend an, winke und verlasse Douglas mit dickem Klops in der Hose. Dabei bewege ich mich wie eine missglückte Kreuzung aus schwangerem Pinguin und angeschossenem Cowboy, der deutlich zu lange auf seinem Pferd geritten ist. In der Bahn wundern sich dann alle Fahrgäste, was so extrem riecht. Ich halte mir selber die Nase zu, nicke verständnisvoll und zeige mit dem Zeigefinger auf die Douglas-Tüte. Mir doch egal - ich streichle über meinen Kaschmir-Schal mit dem Krokodil und flüstere in bester Gollum-Manier „mein Schaaaaaatzzzzzzzzz!“.

 

PS.: Eine Woche später überreichte ich das Geschenk. Die Freude war eher verhalten. Es war die falsche Creme und wurde Tags darauf umgetauscht. Da hat sich ja mein Einsatz so richtig gelohnt. Eines ist auch klar: das nächste Mal gibt’ s einen Gutschein.

 

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