Deutschland - eine Mutter.

 

Was man alles so erleben kann, wenn man einfach mal "früher" Feierabend macht, ist ja schon bemerkenswert. Sagen wir mal unfassbar. Aber der Reihe nach. Heute sind 20 Grad, die Sonne scheint und im heimischen Garten wartet der Rasenmäher schon auf mich. Leise höre ich ihn in Gedanken brummen: „Komm zu mir, lass uns den gemeinen Rasen rasieren, der braucht das!“ Ich schaue auf die Uhr. Es ist 15:00 Uhr und ich höre neben dem Brummen des Rasenmähers, wie sich Engelchen und Teufelchen auf meinen Schultern heftigst streiten.

 

Engelchen flüstert leise, fast himmlich: „Olli, mein Schatz, nutze diesen Tag. Die Ruhe im Büro wird sich förderlich auf deine Arbeit auswirken. Du wirst heute großen Ertrag erwirtschaften. Arbeit macht auch frei.“ Dann höre ich noch Wörter wie Effizienz, Effektivität, Produktivität, Gewinn und Mehrwert. Auf einmal brüllt sich das Teufelchen in den gedanklichen Vordergrund: „Schnauze, Du Flügelkasper. Olli, geh´ nach Hause. Genieße die Sonne und schmeiß´ den Grill an. Deine Nachbarn warten am Gartenzaun mit einem eiskalten Bierchen auf Dich. Büro kann bis morgen warten! Füße hoch und ab dafür.“ Ich flüstere ein leises „Tut mir Leid“ Richtung Engelchen und fliege mit dem Teufelchen Richtung Heimat.

 

Auf dem Heimweg lasse ich mir die Sonne ins Gesicht scheinen und freue mich auf den Feierabend in der Abendsonne. Am städtischen Kinderspielplatz bleibe ich dann doch nochmal kurz stehen. Fünf stark übergewichtige Mutterschiffe sitzen auf und neben der Spielplatzbank, schauen (ich habe es kurz überschlagen) acht Kindern im Alter von 1 bis 6 Jahren beim Spielen zu und benehmen sich ordentlich daneben. 3 von 5 rauchen. Hässlich sind sie alle. Ok, ok, das ist jetzt nicht ganz die feine Art und bestimmt läutet sich jetzt irgendwo auch eine Diversity-Benimm-Glocke in Rage. Aber es ist die Wahrheit. Asozialität kann ich aus 100 Metern erkennen. Und hier liegt eine ganz besondere Art vor.

 

Ich bleibe also kurz stehen und höre, wie ein kleines, süßes Mädchen ihre Mutter fragt, ob sie auch so ein Eis haben darf, wie der Junge, der gerade neu auf den Spielplatz gekommen ist?! Ok, eigentlich keine allzu komplizierte Angelegenheit in der Erziehungswissenschaft. TV-Pädagogin Katharina Saalfrank aus der Pseudo-Doku „die Super-Nanny“ und ihre stille Wuttreppe brauchen wir hier ganz sicher nicht. Oder eben doch? Jedenfalls keift eines der mächtigsten Mutter-Nilpferde rauchend von der Bank folgende Hass-Triade Richtung Kinderfratze: „Waaaassss willst Du? Noch ein Eis? Willst Du mir klarmachen, dass Du heute noch kein Eis hattest, oder watt? Hör´auf mich zu verarschen. Sonst komme ich rüber. Lass mich in Ruhe. Du spinnst doch.“ Das Kind reagiert zurecht verschrocken, zuckt zusammen und beginnt zu weinen. Und zack, Mutter Schreihals setzt noch einen drauf: „Veeeereeeeenaaaa, geh´zum Heulen in die Ecke! Du bist so peinlich.“ Dabei erhebt sie ihre Hand, täuscht aus 10 Metern Entfernung eine Ohrfeige an und schnippt die Zigarettenfluppe neben die Schaukel in den Sandkasten. Die kleine Verena weint und alle anderen lachen sie auch noch aus. Die Mutter schüttelt übertrieben mit ihrer blutroten Birne und klatscht sich mit einem anderen Nilpferd ab. Ihre Bäuche knallen dabei aufeinander, wie die Tsunami-Wellen auf ein Felsen-Riff. Mir wird schlecht.

 

Aber ich reiße mich zusammen. Ich muss doch etwas unternehmen. So geht das doch nicht. Aber was? Verena trösten und ihr ein Eis kaufen? Das Jugendamt alarmieren? Die Polizei rufen? In Gedanken schieße ich jedenfalls einen Betäubungspfeil inkl. einem Liter Hellabrunner Narkose-Mischung mit einem zwei Meter langen Blasrohr von Kotte&Zeller in Richtung Mutter-Tier. Zack. Volltreffer. Genau in die Nackenfalte, die aussieht, wie drei Pfund gemischt Gehacktes, das zu lange in der Sonne lag. Nun gut, war ja auch nicht besonders schwer diesen Lastwagen großen Mutter-Koloss zu treffen. Sie taumelt, stößt noch zwei bis drei laute Verwundungsschreie raus und sackt dann zu Boden. Ich rufe dabei laut „Achtung - Baum fällt!“. Gelassen rufe ich den ortsansässigen Tierarzt an, bitte um Abholung zur Notschlachtung und siedle mit Hilfe des Jugendamtes Klein-Verena in eine neue, bessere Herde um. Noch schnell ein Foto für den International Animal Welfare Summit und ab nach Hause. Zuhause angekommen nehme ich meine Kinder in den Arm und frage proaktiv, ob sie vielleicht ein Eis haben möchten. Mit bunten Streuseln.

 

„Meine Damen und Herren, diese Story ist für mich mal wieder unfassbar. Und in Wahrheit leider so gar nicht lustig. Mir hat das jedenfalls den Frühlings-Abend gehörig verdorben. Hört euren Kindern zu, seid für sie da und kauft ihnen ein Eis - oder eben auch mal zwei. Und wenn das gerade nicht passt, dann erklärt ihnen das in Ruhe und kindgerecht. Man raucht nicht auf einem Spielplatz und droht Kindern auch nicht. Und wenn doch, dann gibt’s eben einen Pfeil in den Nacken. Für eine besserer Welt. Danke.“

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© Olli Dahlke - Botschafter des Humors